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Artgerechte Pferdehaltung

Artgerechte Pferdehaltung

Unter artgerecht versteht man Haltungs- (und Umgangsformen), die sich an den spezifischen Bedürfnissen und Verhaltensweisen einer Tierart orientieren. Seit einigen Jahrzehnten setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass auch der Mensch von der artgerechten Haltung unserer Haustiere profitiert. Unsere Haustiere sind dauerhaft gesünder, langlebiger und leistungsfähiger, je besser ihre Umgebung derjenigen entspricht, an die sich die Art entwicklungsgeschichtlich angepasst hat.\f0 Das Pferd wird als Lauf-, Herden- und Fluchttier charakterisiert, es hat sich über etliche Entwicklungsstufen an seine Umweltbedingungen angepasst und sich auf eine Lebensweise als Steppentier spezialisiert.  Wie alle hoch spezialisierten Arten ist es dadurch anfällig geworden für Umwelteinflüsse, die stark von den ursprünglichen abweichen.\f0 Ein freies Leben in der Steppe können wir unseren Haus- und Reitpferden natürlich niemals bieten, aber die daraus entstandenen Bedürfnisse können wir erkennen und weitestgehend auch unter hiesigen Bedingungen befriedigen.

Artgerecht heißt also nicht "genau so wie in freier Wildbahn" - was leider häufig missverstanden wird und dann Matschkoppeln oder überbevölkerte Paddocks zur Folge hat.\pardArtgerecht bedeutet vielmehr "so, dass die arteigenen Ansprüche möglichst gut erfüllt werden". Wo nötig wird passender Ersatz für fehlende natürliche Bedingungen geschaffen. Einfache Maßnahmen können der freie Blick nach draußen sein oder die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit dem Nachbarpferd. Um dauerhaft psychisch und physisch gesunde Pferde zu haben, ist natürlich die Gesamtheit der Bedürfnisse zu berücksichtigen!

die zentralen Bedürfnisse eines Pferdes

Kurz gesagt benötigt das Pferd aufgrund seiner Entwicklungsgeschichte und Spezialisierung  vor allem:\pardLicht\ls1Luft\ls1Bewegung\ls1Sozialkontakt\ls1Futteraufnahme\pardIm einzelnen:\pardLicht:\pardMit Licht ist hier Sonnenlicht /Sonneneinstrahlung gemeint - wegen des UV-Anteils, der auch bei bedecktem Himmel vorhanden ist. Stoffwechsel und Fruchtbarkeit sind abhängig von der Tageslichtdauer. Der Licht-Bedarf des Pferdes ist dabei höher als beim Menschen und für uns deshalb häufig nicht leicht verständlich.\pardTemperatur:\pardIn direktem Zusammenhang mit der Sonneneinstrahlung steht auch die Umgebungstemperatur. Pferde haben eine sehr große Temperaturtoleranz und können sich an jahreszeitliche und tageszeitliche Schwankungen leicht anpassen - es sei denn, diese Fähigkeit ist durch langjährige Stallhaltung und regelmäßiges Eindecken verkümmert. Sonnenlicht und Temperaturreize sind entscheidend für ein gut funktionierendes Immunsystem.\pardLuft:\pardSaubere, frische Luft zum Atmen ist für Pferde mindestens genauso wichtig, wie für uns. Entscheidend ist ein ausreichender Sauerstoffgehalt und die Abwesenheit von Schadgasen (Ammoniak) und Schadstoffen (Schimmelsporen) - wie sie in Mist und Einstreu entstehen. Hinzu kommt, dass Pferde für die Gesunderhaltung des Atmungsapparats ihre Lungen trainieren müssen und folglich viel Bewegung an der frischen Luft benötigen. Das Pendeln zwischen geschlossenem Stall und staubiger Reithalle reicht dazu nicht aus!\f0 Viele Besitzer schützen Ihre Pferde übertrieben ängstlich vor Zugluft. Pferde  sind jedoch ausgesprochen widerstandsfähig gegen Luftbewegung und im Gegenteil, sogar in gewissem Maße darauf angewiesen. Wichtig hierbei ist lediglich, dass der gesamte Köper vom Luftstrom getroffen wird und nicht nur kleine Körperpartien (wie bei punktuellem Zug). Dann nämlich kann das Pferd seine körpereigene Temperaturregulation daran anpassen.\f0 Selbst bei verschwitzten Pferden ist es wichtiger, Fellfunktion und Körpertemperatur zu normalisieren, anstatt mit einem dauerhaften Kälteschutz (Stall und Decke) den Stoffwechsel zu beeinträchtigen.\pardBewegung:\pardDer Bewegungsapparat des Pferdes ist darauf ausgerichtet, dass es den ganzen Tag immer wieder kleine Schritte macht - 16 Stunden am Tag beim Grasen. Zusätzlich werden in der Natur größere Wegstrecken bewältigt oder die Flucht ergriffen. Hufe und Gelenke brauchen diese ständige "Benutzung", damit Blutzirkulation und Austausch der Gelenkflüssigkeit gewährleistet sind. Auch Muskeln, Sehnen und Bänder werden dadurch elastisch erhalten. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Pferde in Gruppenhaltung (Offenstall, Paddock, Weide) 3-10 km pro Tag fortbewegen.\f0 Hierbei ist die Art des Untergrundes nicht unerheblich - tief aufgewühlter Matsch oder glatter Betonboden sind verletzungsträchtig, insbesondere wenn große Flächen zum Rennen einladen und Alternativen fehlen.\f0 Tipp: Teilbereiche mit Hackschnitzel- oder Sandbelag werden von den Pferden gut angenommen, auch wenn für stark frequentierte Wege aus arbeitswirtschaftlichen Gründen andere Befestigungen bevorzugt werden.\pardSozialkontakt zwischen Artgenossen:\pardDas Herden- und Fluchttier Pferd fühlt sich nur in Gesellschaft anderer Pferde sicher. Die Herde bot ursprünglich Schutz gegen Fressfeinde. Aber das Zusammenleben erfordert gewisse Regeln - wie z.B. das Einfügen in eine Rangordnung, das Verstehen von Drohgebärden, das Beherrschen von Demutsgesten. Die passenden Verhaltensweisen können am besten vom Jungtier in Gesellschaft erlernt werden. Erwachsene Pferde können dies nur unvollständig nachholen.\f0 Pferde, die ein unzureichendes Sozialverhalten gelernt haben, sind häufig zerrissen zwischen dem angeborenen Herdendrang und ihrer Angst vor dem Verhalten anderer Pferde. Dadurch stehen sie beständig unter Stress. Beengende Haltungsbedingungen (Boxenhaltung oder enge Paddocks) verursachen ebenfalls Stress - sie erzwingen eine zu geringe Individualdistanz gegenüber ranghöheren Pferden. Die Folgen sind vermehrt aggressives Verhalten und erhöhte Verletzungsgefahr.\f0 Viele Halter kennen ihre Pferde nur unter diesen beengten Bedingungen bzw. in Gruppen ohne gefestigte Rangordnung. Dadurch hält sich hartnäckig der Irrtum, dass Herdenhaltung automatisch Stress und Verletzungsgefahr für die Pferde bedeutet. Aber die dauerhaft auferlegte Isolierung von den Artgenossen kann keine Lösung im Sinne des Pferdes sein. Viele so genannte Stall-Untugenden entstehen ursächlich durch Mängel in der Haltung, der Vergleich zu Hospitalismus beim Menschen ist durchaus angebracht.

Boxenhaltung

Solange das Pferd Nutz- und Arbeitstier war wurde es so untergebracht und genutzt, wie es den Bedürfnissen der Besitzer am besten entsprach. Man darf nicht vergessen, dass das Pferd bis vor wenigen Jahrzehnten, Maschinen und Fahrzeuge ersetzte und vor allem Mittel zum Zweck war - sei es landwirtschaftlich oder militärisch. Deshalb war eine Unterbringung auf begrenztem Raum im Stall nötig, um schnellen Zugriff zu haben und den Aufwand bei Pflege und Versorgung gering zu halten. Diese Haltungsform war zu ihrer Zeit sehr effizient. Viele Bedürfnisse der Arbeits-Pferde waren ganz automatisch durch ihre Nutzung sehr viel besser befriedigt, als es heute bei Freizeit- und Sportpferden der Fall ist.\f0 Die traditionelle Boxenhaltung erfüllt heute vielfach die arteigenen Ansprüche nicht mehr in ausreichendem Maße. Diese Form der Unterbringung war ursprünglich ja auch nicht dazu konzipiert, das Pferd dort dauerhaft "abzustellen" - schließlich war es ja den ganzen Tag unterwegs.\f0 Unsere Pferde warten heute den überwiegenden Teil des Tages in der Box auf ihren kurzzeitigen Einsatz. Um den notwendigen Ausgleich zu schaffen, ist über den Tag verteilt viel Zeit aufzubringen - das Pferd "bewegen", auf die Koppel bringen und wieder herein holen, dabei auf Futterzeiten, Witterungsbedingungen und den Zeitplan des Weidegefährten achten, ... . Die wenigsten von uns haben heute dazu Zeit und Lust.